Einst ging ein äußerst fetter – wirklich extrem widerwärtig fetter – Mann die Straße entlang. Eigentlich ging er gar nicht, sondern bewegte sich amöbenhaft vorwärts; wodurch er vorankam, sah man nicht, da die Fettpolster über seinen Gürtel bis auf den Boden hingen. Weil er blonde Haare hatte und ein weites weißes Hemd trug, sah er von oben aus wie ein Spiegelei. Aber wir wollen heute nachsichtig sein und der Höflichkeit zuliebe die Wahrheit schweigen lassen und daher behaupten, dass er da so “ging” – jedenfalls nahm er die gesamte Breite des Gehwegs ein. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihm eine Frau mit Kinderwagen entgegenkommen würde. (Tatsächlich war es sogar eine Frau mit Doppelkinderwagen für Zwillinge.) Als es soweit war, stoppten die beiden sich entgegenkommenden Parteien zunächst, dann begannen sie, sich in Richtung Straße zu wenden. Aufgrund des Trägheitsgesetzes war die Frau schneller, doch das schwitzende Spiegelei – seine Niederlage absehend – wollte nicht anders behandelt werden wie jeder andere auch und rief: “Halt! Warten Sie! Ich weiche ja schon aus!” Die Frau wartete also geduldig, und nach einiger Zeit hatte die Riesenamöbe sich auf die Straße bewegt. Die Frau bedankte sich und eilte weiter.
Nun stand der Berg aus Fett auf der Straße, und zwar an einer sehr unübersichtlichen Stelle. Er bemerkte die Gefahr und fing an, sich zurück zum Gehsteig zu bewegen, was aber dauerte. Endlich schlug er mit dem äußersten vorderen Fettvorhang gegen die Bordsteinkante. Weiter kam er nicht. Er strengte sich an, nahm Anlauf, beugte sich nach hinten, schürzte den vorderen Fettüberhang, doch es half nichts. Also nahm er einen Eimer Schokoladeneis aus seinem Rucksack und dachte nach: “Mjam! Na gut – schluck! – ich komme hier nicht hoch, die Kante hat eine Höhe von mindestens – schmatz! – 15 Zentimetern. Mir bleibt nichts anderes übrig als – rülps! – der Straße zu folgen bis eine Bordsteinkantenabsenkung kommt – schlabber!” Er hielt kurz inne: “Der Plan ist genial!” Nachdem er das restliche Eis aufgefressen hatte, machte er sich sogleich auf den Weg.
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(Einige Stunden später und wenige hundert Meter weiter.) Das Ungetüm war völlig außer Atem und der Schweiß floss in Strömen herab. Auf dem Weg hatte er eine Schweißspur hinterlassen; ein karrieregeiler Zoologe würde ihn in diesem Moment als ungeheurliche Riesenschnecke klassifizieren. Unser Koloss hatte es satt – zum ersten Mal in seinem Leben. Er wollte doch nur von seiner Haustür zum Supermarkt nebenan, denn ihm drohten die Schleckereien auszugehen! Für diese Strecke hatte er den Vormittag eingeplant und sich mit genügend Proviant ausgestattet. Über Mittag wollte er im klimatisierten Laden ausruhen, und nachmittags vollgepackt heimwandern. Doch nun war er hoffnungslos weit entfernt von seiner Behausung und – schlimmer noch – von seiner Nahrungsquelle, die Straße führte anscheinend ins Unendliche und nirgends war der ersehnte Durchgang zum Bürgersteig zu entdecken; er war gestrandet. Selbst wenn er in die andere Richtung zurückginge: wenn keine Absenkung des Bordsteins käme, müsste er mitten auf der Straße elendig verhungern. Allein beim Gedanken daran fing er an zu zittern. Um sich zu beruhigen, nahm er einen Eimer Kartoffelsalat aus seinem Rucksack und fraß ihn gierig leer. Anschließend spülte er mit seiner einzigen Flasche Cola nach. Durch diesen Appetithappen hatte das Monstrum aber wieder Mut gefasst und konnte weitertörteln …
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(Wiederum einige Stunden später.) Das fette Ungetüm stöhnt vor Hunger. Er hat zwar noch seinen 3-Kilo-Notfallschokoriegel im Rucksack, aber den will er erst anbrechen, wenn es unwiderruflich zu Ende geht. Die Sonne nähert sich langsam dem Horizont, und noch immer ist kein Durchgang zum Gehweg in Sicht. Der Weg zurück und in die andere Richtung ist schon seit Stunden keine Alternative mehr, zu weit hat er sich vorgewagt. Der Fettberg beschließt, dass hier das Ende ist und holt den Notfallschokoriegel hervor, um es zu versüßen. Und während er auf seinem letzten Proviant kaut, denkt er wehmütig an all die Milchshakes in seinem Kühlschrank, die er nicht mehr trinken kann, an all die Pizzas, die er nicht mehr bestellen kann, an all die zukünftigen Schokoriegel, die er nicht mehr probieren wird, und sogar an all die Gemüsesorten, die er nie probiert hat…
Da dreht der Wind und dem Fettsack steigt plötzlich der köstliche Geruch von Frittierfett in die Nase. Elektrifiziert richtet er sich auf und folgt dem verheißenden Duft. Bald sieht er in einiger Entfernung die leuchtenden gelben Neonbuchstaben von “Franky’s Grillhaus”. Sein rettendes Ziel vor Augen ignoriert er seinen beißenden Hunger und kommt zügig voran. Jetzt erkennt er zu seiner Freude, dass sich vor Franky’s die ersehnte Bordsteinkantenabsenkung befindet. Mit letzter Kraft erreicht er den Imbiss und bestellt alle aufgelisteten Menüs in doppelter Ausfertigung mit extra Ketchup und Mayo. Nach dem Verzehr der Menüs lässt er sich vom glücklichen Franky weitere drei Dutzend Menüs als Proviant einpacken und macht sich auf dem Gehweg auf die Heimreise.
Zwei Stunden nach Mitternacht erreicht er sein Bungalow.
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Als der Fettsack am nächsten Morgen auf seine Industriewaage stieg, hatte er 87 Kilo abgenommen, die er sich aber bis zum zweiten Frühstück wieder angefuttert hatte. Zur Pommesbude am Ende seiner Galaxis wagte er sich nie wieder, jedoch hatte er eine Geschichte erlebt, die er seinen Enkeln hätte erzählen können, wenn er jemals welche gehabt hätte.
[...] Solche Geschichten (tsch. historky) können einem wirklich nur einfallen (tsch. napadnout), wenn man selbst nicht gerade untergewichtig ist: “Die unglaublichen Abenteuer eines Fettsacks” [...]