In den Gaststätten meiner Kindheit stand auf jedem Tisch neben dem Salz- und dem Pfefferstreuer noch ein Fläschchen Maggi-Würze. Es war üblich, die servierte Suppe mit Hilfe von Salz, Pfeffer und Geschmacksverstärker ordentlich nachzuwürzen. Kochten die Köche früher salz- und gewürzlos und überließen dem Gast das Abschmecken? Nein, es lag eher daran, dass durch die damalige Umweltverschmutzung die Geschmacksnerven der Menschen betäubt oder teilweise abgestorben waren. Damals fuhr man mit verbleitem Benzin und ohne Rußfilter, die Flüsse waren tot und der Wald lag im Sterben. Heute schwimmen wieder Lachse im Rhein – und das Glutamat ist von den Tischen verschwunden. Ein weiteres Indiz: Glutamat gibt es immer noch in den chinesischen Restaurants, und in China ist die Umweltverschmutzung ja geradezu sprichwörtlich.
Heutzutage wirbt jeder Dosensuppenhersteller von Rang damit, seine Produkte seien nicht nur frei von Konservierungsmitteln, sondern auch ohne Geschmacksverstärker. Da sich aber die Geschmacksnerven mancher Leute nicht wieder erholt haben, wird Maggi-Würze immer noch verkauft. Damit können sie zuhause nachwürzen, damit sie überhaupt etwas schmecken. Seltsamerweise gibt es im Deutschen kein analoges Wort zu “schwerhörig”. Für die Schwerschmeckenden gibt es aber immerhin analog zum Hörgerät den Geschmacksverstärker.
Daran sollten Köche denken, wenn sie einem Gast eine mit viel Mühe und Sorgfalt aufwändig abgeschmeckte Suppe darreichen – und der Gast erstmal kräftig nachwürzt. Er will Sie nicht beleidigen, sondern er ist einfach geschmacksbehindert.
Sollte mich jemals ein Koch mit meiner Frau betrügen, werde ich in sein Restaurant marschieren, eine Suppe bestellen, und, sobald sie serviert ist, erstmal ordentlich Salz und Pfeffer reinkippen, selbstverständlich ohne vorher zu kosten. Erst danach werde ich probieren – und in meine Jackentasche greifen, eine Flasche Maggi rausholen und vier, fünf, sechs, sieben kräftige Spritzer in die Suppe geben. Dann werde ich wieder kosten und ausrufen: “Jetzt kann man’s essen!”
Mit ausreichend Salz, Pfeffer und Maggi-Würze wird irgendwann auch ein Teller voll Erde geniesbar. Da tun sich ganz neue Sparpotentiale bei Hartz-IV auf. Herr Sarrazin, übernehmen Sie!